Gefahren im Straßenverkehr
Gefahren im Straßenverkehr

Hoch in den Alpen, in einem kleinen Berghotel traf Samstagfrüh Nora, Mitte zwanzig, ein. Benno, ein Endzwanziger, war schon am Vorabend angereist und bereits mit dem Frühstück fertig. Sie parkte ihren alten VW-Käfer, der auch schon bessere Zeiten gesehen hatte, neben seinem neuen Golf. Als er mit dickem Wanderrucksack durch die Tür nach draußen wollte, stieß er mit ihr zusammen. „Oh, hoppla, ich hab Sie gar nicht kommen sehen.“, entschuldigte sie ihr Missgeschick.

„Das ist nicht schlimm, ich hätte ja auch aufpassen können.“ Erwiderte er und trat einen Schritt zurück, um ihr die Tür aufzuhalten.

Und mit einem „Danke!“ packte sie ihren Rucksack und den kleinen Koffer und drängte sich an ihm vorbei ins Haus. „Wo soll’s denn so früh schon hingehen?“

„Wir wollten mit dem Sepp, dem Wanderführer, auf die Alm hinauf. Das Ganze soll vier Stunden dauern, so dass wir zum Mittagessen wieder hier sind. Stand das nicht in Ihrer Reservierung?“

„Nein, ich habe ganz spontan gebucht.“ Und nachdenklich fügte sie hinzu, „Ich brauche momentan etwas Abstand.“

Oh, oh, da ist aber jemand aufmunterungsbedürftig, wie es scheint.

„Wollen Sie nicht mitkommen? Wir sind eine kleine Gruppe mit fünf Leuten. Ich sag dem Sepp bloß Bescheid, der wartet bestimmt gerne auf Sie.“

„Aber das dauert doch jetzt viel zu lang bis ich fertig bin. Gehen Sie schon mal los. Ich kann ja ein andermal mitkommen.“

„Sie sind ja schon richtig angezogen,“ er senkte den Blick, „bis auf die Schuhe. Also Koffer aufs Zimmer und in zehn Minuten geht’s los.“

„Sind Sie immer so aufdringlich?“ Nora sah ihm amüsiert mit einem Lächeln in die Augen.

„Nein, nicht immer! Nur wenn es sich lohnt.“ Benno gab den Blick zurück, setzte sein breites Grinsen auf und hoffte, dass er damit Erfolg hatte.

„Also gut, Sie haben mich überredet.“ Sie schnappte sich ihren Koffer. „Ich beeile mich, wenn mich der Sepp noch mitlässt.“

„Das regle ich schon!“, rief er ihr noch nach, da sie schon auf dem Weg zum Tresen war. Er sah noch, wie Resi, die Wirtin, ihr ohne viel Umstände einfach den Koffer abnahm und ihn neben den Tresen stellte. Sie nahm die Wanderschuhe, die außen am Rucksack baumelten und zog sie an, während er draußen dem Sepp die Situation erklärte.

„Dees is doch überhaupts gar ka Problem net!“ meinte der, „Wenn’s do is, geht’s los, gell!“ Die beiden anderen Pärchen nickten zustimmend. „Do müss mer halt dann a weng schneller gehe, no passts scho wieder.“, fügte er grinsend hinzu.

„Jo, do is sie eh scho!“ Sepp begrüßte Nora mit Handschlag, „Nocha konns jo losgeh!“

„Vielen Dank, dass Sie mich noch mitnehmen. Das ist sehr nett von Ihnen, Herr Sepp!“ Sie nickte den anderen freundlich zu.

Sepp musste lachen. „Dees hot jo no niemand net zu mir gsacht. Etz pass amol auf, Dirndel! Über tausend Meter gibt’s ka Sie net, und scho glei kaan Herrn Sepp. Host mi?“

„Alles klar. Also ich bin die Nora!“ gab sie bekannt und lächelnd fuhr sie fort, „Wir können uns ja unterwegs noch kennenlernen, ich will jetzt den Betrieb aber nicht mehr länger aufhalten.“

„Jo, nocha back mers, tat i song!“ Mit diesen Worten von Sepp ging es los.

Nora gesellte sich zu Benno. „Nochmals vielen Dank für Ihren Anstoß und die Organisation. Ich wäre jetzt hier im Haus geblieben und hätte mich nur auf dem Zimmer herumgedrückt.“

„Erstens heißt es DU und Benno!“ Er wies sie nochmals auf die einzuhaltenden ortsüblichen Gepflogenheiten hin, „Nicht, dass wir gleich einen Anschiss vom Sepp kassieren. Und zweitens habe ich bei den paar Worten unter der Tür gemerkt, dass vielleicht etwas Zerstreuung angesagt sein könnte.“ Benno sah sie aufmerksam von der Seite an. „Oder habe ich mich da etwa getäuscht?“

„Nein, nein, Sie, äh, Du hast richtig gelegen.“ Sie schlug die Augen nieder und machte ein ganz trauriges Gesicht. Die Erinnerungen der letzten beiden Tage ließen ihr die Augen wässrig werden, obwohl sie das gar nicht wollte.

Er sah sie von der Seite an und merkte, dass da vermutlich etwas vollkommen schiefgelaufen sein musste. „Wenn du darüber reden willst, ich bin einer der besten Zuhörer über tausend Meter!“ Er sah sie mit einem gespielt ernsten Gesicht an.

Sie blickte ihn an und musste über diesen komischen Gesichtsausdruck und seine Behauptung lachen. Das Eis war gebrochen. Irgendwie fühlte sie sich neben diesem jungen Mann sicher, der ihre Gefühlslage sofort erkannt hatte. Im Gegensatz zu diesem Ignoranten, weswegen sie eigentlich überstürzt hierher geflüchtet war. Sie empfand eine Erleichterung, die sich Schritt für Schritt steigerte. Ihr Blick wurde wieder klar. So gingen sie eine Zeitlang schweigend nebeneinander her.

„Und geht es etwas besser?“ Neugierig nahm er die Unterhaltung wieder auf, denn er wollte unbedingt wissen, warum so eine hübsche junge Frau einen derart traurigen Eindruck machte.

„Ja, vielen Dank für dein Angebot. Vielleicht nehme ich es sogar an.“ Sie warf ihm einen vielversprechenden Augenaufschlag zu. Er blickte in ihre dunkelbraunen Augen und fühlte sich irgendwie darin gefangen. Sein Beschützerinstinkt war geweckt. Er konnte ja nicht ahnen, dass sie beide nahezu den gleichen Grund hatten, das verlängerte Wochenende hier oben zu verbringen. Liebeskummer kann unvorsichtig machen, also aufgepasst.

Das Gesprächsthema wurde vom Wetter in Richtung Natur gelenkt. Da gab‘s ja auch ringsherum genügend davon. Das satte Grün der Wiesen stand im krassen Kontrast zu den kahlen grauen Berge. In der weiteren Unterhaltung fanden die beiden heraus, dass sie eigentlich nur zwanzig Kilometer auseinander wohnten, jeder seit kurzem wieder allein in seiner Dreizimmerwohnung. Und das -wieder allein- galt es noch zu klären.

„Du zuerst!“ Spontan kamen diese beiden Worte bei der kurzen Rast über ihre Lippen und ihr neugieriger Blick lag auf seinen vollen Lippen. Eigentlich ist er gar nicht so mein Typ, dachte sie sich noch, als sie ihn so musterte. Aber nicht uninteressant. Das fiel ihr gerade jetzt auf, als sie sich auf zwei Steinen gegenübersaßen. Er hatte dunkelblondes, leicht gewelltes Haar, das nun erst so richtig zur Geltung kam, da er seine Schirmmütze abgenommen hatte.

Zögerlich begann er: „Tja, das ist jetzt zwei Monate her. Ich wollte es erst gar nicht glauben, als ich eine SMS erhielt, dass sie ihre Sachen aus der gemeinsamen Wohnung geholt hätte und ich die Wohnung wieder allein nutzen könne.“

„Einfach so, ohne irgendwelche Gründe?“ Völlig verständnislos schüttelte Nora den Kopf. „Das gibt´s doch nicht!“

„Doch. Ich habe es ja selbst erlebt. Einfach so! Sie könne nicht mehr mit mir unter einem Dach leben! Alle Versuche, sie nochmal ans Telefon zu bekommen, schlugen fehl. War einfach nicht mehr erreichbar. Und nun fahre ich regelmäßig hierher und verbringe manche Stunde in den Bergen und kann abschalten und neue Energie tanken. Und wie war es bei dir?“

„Das alte Lied.“ Sie warf ihren Kopf in den Nacken. Ihre über schulterlangen Haare schmiegten sich an ihrem Rücken. Sie betrachtete die kleinen weißen Wölkchen am Himmel, die langsam vorbeizogen. „Meine beste Freundin in seinem Bett. Das war vorgestern. Er hat Zeit zu verschwinden bis ich am Dienstag zurückkomme. Dann gehört mir meine Wohnung auch wieder allein.“

„Naja, auch so ein Klassiker, gell!“ Leicht resigniert fuhr er fort. „Und dabei habe ich alles für sie getan. Selbst Wäsche waschen habe ich gelernt. Also wenn du Fragen zur Trennung von Wäsche hast, kein Problem. Oder bügeln, knitterfrei selbstverständlich, jederzeit!“

Nach diesen Worten musste sie laut loslachen und senkte dabei ihr hübsches Köpfchen wieder, um ihm tief in seine rehbraunen Augen zu schauen. „Soso, ein perfekter Hausmann! Das hört man gern!“ Wie er so redete, empfand sie seine Stimme als äußerst angenehm. Er wurde ihr immer sympathischer.

Die restliche Gruppe verstaute ihre Wasserflaschen in den Rucksäcken. Benno bekam das aus den Augenwinkeln mit. „Oh, es geht weiter!“ Nach dieser Anmerkung reichte er ihr die Hand, um beim Aufstehen behilflich zu sein. Aha, Gentleman ist er auch noch. Gern griff sie danach, denn das längere Sitzen auf dem Stein hatte ihre Beine etwas steif werden lassen. Und sowas wird einfach sitzengelassen. Unfassbar. Der Weg zum Gipfel war gottseidank nicht mehr allzu weit. Die Kondition reichte bei Nora gerade so. Bei der Überwindung einiger Gräben nahm sie gerne seine Hilfestellung an. Und es war ihr auch nicht unangenehm, wenn er sie nach dem Sprung auffing und länger als nötig ihre Hand hielt oder sie sogar an sich drückte, damit sie wieder festen Boden unter den Schuhen spürte. Das war natürlich Absicht, das war ihr schon klar, aber irgendwie auch schön. Dabei realisierte sie die durchtrainierte Muskulatur, die vom Hemd verborgen wurde. Auch er freute sich, dass seine Gesten und Hilfen angenommen wurden. Gern hob und zog er sie über die Hindernisse, die die Natur so reichlich genau dort hingebaut hatte. Denn wo er auch hin packte, alles gut proportioniert. Und vor allem, das Mädel war so schön unkompliziert und überhaupt nicht berührungsabgeneigt. Das könnten drei schöne Tage werden.

Sepp schaute den beiden amüsiert zu. „Aha! Gsucht und gfunde!“, dachte er und grinste in sich hinein. Oben am vorgenommenen Aussichtspunkt erläuterte er die einzelnen Gipfel und Höhenrücken, ließ dabei natürlich keine Gelegenheit aus, darauf hinzuweisen, welche von ihm schon bezwungen wurden. „So, des wors do heroben. Auf, obi geht´s! Des Essen wart auf eich! Bagg mers!“ Mit diesen einladenden Worten machten alle kehrt und sortierten sich für den Abstieg. Wo es der Weg zuließ, gingen Nora und Benno nebeneinander. Die Unterhaltung versiegte nie und es wurden dabei schon ganz schön intime Details ausgetauscht. Kurz gesagt, man kam sich schon bedenklich näher. Vor allem beim Überwinden von naturbedingten Stolperstellen kamen die Lippen der Kusszone bereits gefährlich nahe. Man sah sich kurz auf den Mund, dann in die Augen und schamhaft lächelnd setzte man den Weg fort.

„Do laaft doch wos!“ Sepp war sich bei dem Dargebotenen nun sicher, dass nach diesem Wochenende nichts mehr so war wie vorher. Er hatte da das gute Gespür eines erfahrenen Naturburschen.

Das Mittagessen war deftig und das dazu gereichte Bier verfehlte seine Wirkung nicht. Jeder wurde noch zu einem selbstgebrannten Obstler in netter Form genötigt, die einfach keine Absage zuließ. Danach waren alle rechtschaffen müde und zogen sich entweder auf die Liegestühle in der Sonne oder aufs Zimmer zurück. Nora und Benno verabredeten sich schnell noch gegen 15 Uhr auf einen kleinen Spaziergang ums Haus herum. Bei Nora merkte man den Einfluss des Selbstgebrannten schon leicht an der nicht mehr so flüssigen Ausdrucksweise. Grad süß!, dachte sich Benno und lächelte nachsichtig. Wobei er auch innerlich zugeben musste, dass es das Teufelszeug ganz schön in sich hatte. Deshalb war er auch froh, dass er zur Verdauung des Ganzen etwas Zeit alleine hatte. Also gingen sie auf ihre Zimmer, die zufällig nebeneinander lagen.

Benno saß auf dem Balkon und guckte mit halbgeschlossenen Augenlidern auf die beeindruckende Bergkulisse gegenüber. Aus dem Nachbarzimmer hörte er die laute Bitte eines Handys, doch sofort beachtet zu werden. Die Bitte wurde erhört und Noras Stimme war durch das gekippte Fenster zu vernehmen. „Was willst du noch von mir? Es ist alles geklärt! Lass mich einfach in Ruhe!“ Pause. „Wie Versehen? Er räumt alles aus.“ Pause. „Wie, nochmal darüber reden? Er sollte doch nur seine Sachen mitnehmen!“ Pause. „Also gut. Als meine beste Freundin will ich dich auch nicht verlieren.“ Pause. „Gut, ich fahr dann gleich los! Ja, bis später! Und sorg dafür, dass dieser Arsch dabei ist. Verstanden?“ Dann war kurz Ruhe. Nun waren hektische Schritte zu hören, die darauf schließen ließen, dass der Koffer gepackt wurde.

„Ich kann die Kleine doch jetzt nicht fahren lassen. Das ist viel zu gefährlich nach dem Alkoholgenuss von eben. Lass dir was einfallen!“ Benno sprang aus seinem Stuhl hoch und hatte einen Geistesblitz. Das Auto kann nicht fahren, wenn es nicht anspringt. Da er früher selbst Käferfahrer war, wusste er, was zu tun war. Schließlich hat er sich immer geärgert, wenn sein fahrbarer Untersatz nicht fahren wollte. Also verließ er leise das Zimmer, huschte die Treppe hinunter, rannte zu Noras VW und öffnete hinten den Motorraumdeckel. Ein Griff und die Verteilerkappe war offen. Ein kurzer Ruck und er hatte den Verteilerfinger in der Hand. Jetzt konnte kein Zündfunke mehr an die Zündkerzen weitergegeben werden. Schnell wieder die Kappe schließen und den Deckel zu. Das konnte er sogar nachts ohne Beleuchtung, so vertraut waren ihm die Abläufe noch. So, jetzt das Ding einstecken, unauffällig entfernen und abwarten.

Keine Sekunde zu früh, denn Nora kam gerade schwer beladen um die Ecke. Sie steckte den Schlüssel ins Türschloss, schloss auf und riss, immer noch in Rage, die Tür auf und warf ihren Rucksack und den Koffer auf die Rücksitzbank. Dann klappte sie die Rückenlehne wieder zurück und schwang sich auf den Fahrerinnensitz. Sie drehte den Zündschlüssel, der Motor drehte sich auch, sprang aber nicht an. „Komm schon! Nicht schon wieder!“ Mit der linken Faust schlug sie aufs Lenkrad und mit der rechten Hand drehte sie nochmal den Schlüssel. Wieder nichts! So ein Mist! Entnervt öffnete sie die Tür und sprang hinaus.

Mit scheinheiliger Miene kam nun Benno auf sie zu. „Na, springt er nicht an?“ Interesse heuchelnd steckte er seinen Kopf in die Tür und sah auf den Tacho. „Hast du genug Sprit drin?“

„Für wie blöd hälst du mich denn?“ Leicht gereizt kam die Antwort. „Der Tank ist mindestens noch halb voll.“

„Dann muss es an etwas anderem liegen. Der Jüngste ist er ja auch nicht mehr.“ Benno versuchte, sie zu beruhigen.

„Das hat er in letzter Zeit häufiger. Aber es waren immer nur Kleinigkeiten nach Aussage der Werkstatt.“ Nora sah ihn hilfesuchend an.

„Und überhaupt kannst du froh sein, dass er nicht anspringt!“

Nora kniff das linke Auge halb zu und blickte Benno so von der Seite an. „Wieso froh? Wie meinst du das?“

„Naja, erstens, nach dem guten Nachtisch in flüssiger Form solltest du auch kein Auto mehr fahren und zweitens hast du mir ja einen Spaziergang versprochen und drittens sind die Werkstätten heute zu. Du musst schon bis Montag warten, bis dir wieder geholfen werden kann. Also beruhige dich. Komm, ich helfe dir beim Gepäck hochtragen. Okay?“ Benno sah sie mit schief gelegtem Kopf lächelnd an.

„Aber der Scheißkerl räumt meine Bude leer. Das muss ich verhindern.“, antwortete Nora schluchzend.

„Das kriegen wir schon wieder hin. Ich werde dir dabei helfen, wenn ich darf.“ Mit diesen Worten nahm er sie einfach in den Arm und drückte sie sanft an sich. Widerstandslos ließ sie es geschehen und legte ihren Kopf an seine Schulter.

„Danke, du bist so lieb!“ Nora löste sich wieder aus seiner Umarmung. „Ich wäre jetzt tatsächlich Hals über Kopf losgestürmt, bloß weil dieser Widerling so blöd ist.“

Benno fasste ins Wageninnere und holte erst den Koffer und danach den Rucksack heraus. Dann zog er den Zündschlüssel ab und reichte ihn Nora. Nachdem sie wieder abgeschlossen hatte, nahm er den Koffer, sie den Rucksack und beide gingen nebeneinander ins Haus zurück.

Der Termin für den Spaziergang wurde auf Bennos Drängen eingehalten. Er wollte Nora in ihrem Jammer jetzt nicht allein lassen, dazu hatte er sie in den paar Stunden schon viel zu lieb gewonnen. Er hoffte, dass das auf Gegenseitigkeit beruhte. Bei den Gesprächen während der zwei Stunden-Wanderung merkten sie ganz deutlich, dass sie in ihren Ansichten sehr eng beieinander lagen. Sie war plötzlich ganz froh, dass sie vom Abfahren abgehalten worden war. Und beim letzten Sprung über das kleine Rinnsal hinterm Stall, bei dem er ihr hilfreich seine Hand gereicht hatte, ließ er sie einfach nicht mehr los. Nora machte auch keine Anstalten, als wollte sie losgelassen werden. So gingen sie Hand in Hand in ihre Unterkunft, die Treppe hoch bis zu ihrer Zimmertür. Dort drehte sie sich zu ihm hin und er griff nach ihrer anderen Hand. So standen sie sich stumm gegenüber und sahen sich tief in die Augen. Langsam kamen sich ihre Gesichter näher und bevor sich ihre Lippen fanden, ging ein kurzer Ruck durch Noras Körper und sie zuckte zurück.

„Was mache ich eigentlich da?“ Halblaut kamen diese Worte aus ihrem Mund. „Das geht doch alles viel zu flott.“ Sie trat einen Schritt zurück und sah ihn ganz wehmütig an. „Das sind doch nur diese blöden Hormone und die verletzten Gefühle. Für diesen Schritt habe ich beim letzten Mal fast zwei Wochen gebraucht.“

„Tja, liebe Nora, da warst du halt nicht in den Bergen.“ Er sah sie verschmitzt an. „Da geht halt alles viel schneller. Das ist die gesunde Lust, äh, Luft hier oben.“ Benno zog sie an ihren Händen noch mal zu sich heran und gab ihr rechts und links ein Küsschen auf die leicht erröteten Wangen. „Also dann bis zum Abendessen! So gegen halb sieben?“

„Ja gerne.“, hauchte sie.

„Ich klopfe dann kurz, ja?“ Er nickte ihr zu, ließ ihre Hände los und sie verschwand rückwärts in ihrem Zimmer. „Ich freu mich schon!“ flüsterte er schnell noch hinterher, bevor die Tür geschlossen war. Er machte kehrt und mit einem kleinen Hüpfer ging er auf seine Tür zu, um kurz darauf im Zimmer zu verschwinden. Nora lehnte indessen mit dem Rücken an der geschlossenen Tür und sie wusste nicht so richtig, was sie von diesem Tag zu halten hatte. War das wirklich nur Wut über ihren Ex oder hatten sie ihre Gefühle im Griff. Auf alle Fälle schlug ihr Herz bis um Hals. Und als sie in den Spiegel sah, der links neben der Tür hing, erkannte sie ihre geröteten Wangen. War das jetzt die Vorfreude oder doch nur dem Alkohol geschuldet? Sie musste sich dennoch eingestehen, dass sie sich ebenfalls auf das Abendessen freute.

Punkt halbsieben klopfte es ganz zart an der Tür. Sie schreckte hoch. War sie doch noch leicht eingenickt, als sie sinnierend auf ihrem Bett halb aufgerichtet saß. „Ich komme!“ rief sie und schwang sich vom Bett hoch und lief zur Tür. Dabei fuhr sie sich mit beiden Händen durch die Haare, um sie zumindest etwas aufzulockern. Dann strich sie sich noch ihre Bluse glatt, machte einen Kontrollblick in den Spiegel und öffnete die Tür. Sie blickte in ein fröhliches Gesicht, das sie aufmunternd anlächelte.

„Hallo, gnädige Frau, darf ich Sie zu Tisch geleiten?“ Benno näselte die Frage und nach einer leichten Verbeugung bot er ihr den Arm.

„Aber gerne, mein Herr.“ Grinsend ging sie auf sein Spielchen ein. Sie war vor allem gespannt, wie es weitergehen sollte. Sie war mit sich übereingekommen, dass von ihr aus heute alles passieren könnte. Also, mal sehen, was der gnädige Herr so vorhat.

Während des deftigen Essens fand sich ab und zu eine Hand auf dem Unterarm des Anderen, um das Gesagte zu unterstreichen. Das Verzehrte war scheinbar aus Sicht des Wirtes sehr fettreich, da er nach jedem der drei Gänge ein Verdauungsschnapserl anbot. Ob es dem Magen tatsächlich bei seiner Arbeit half, mochte dahingestellt sein, aber es hob die Stimmung in der Wirtsstube beträchtlich. Man prostete sich gegenseitig zu und brachte auch seltsame Trinksprüche zum Besten, wie zum Beispiel: „Auf dem Teiche, da schwimmt ‘ne Leiche, der Arsch war vermoost, Prost.“ Aufgrund des Grundkonsumes an Selbstgebranntem fanden das alle lustig und nach einem kurzen Lacher trat eine Dreisekunden Trinkstille ein, dann folgte das übliche angewiderte Schütteln des gesamten Oberkörpers zusammen mit dem dazu gehörenden „Brräöa!“. Der Wirt, der jedes Mal mittrank, konnte die ablehnende Körperreaktion seiner Gäste nicht nachvollziehen. Auf alle Fälle verzog er keine Miene beim Schlucken. Aber wenn man genau hinsah, meinte man ein hinterhältiges Grinsen entdecken zu können.

Und so gegen halb dreiundzwanzig Uhr war es dann soweit. Die Stimmung ringsherum war derart gut, oder besser gesagt laut, dass Nora Benno zu sich herzog, um ihn direkt ins Ohr zu flüstern: „Wollen wir gehen? Ich kann dich kaum mehr verstehen.“

Benno nickte. „Ja, gerne. Ich kann auch kaum mehr gehen!“ Nora schüttelte noch kurz irritiert den Kopf und rutschte dann Benno auf der Bank hinterher in Richtung Ausgang. Als sie beide draußen waren, schloss er die Tür zum Gastraum. „Boah, war das laut zum Schluss. Ist ja schlimmer wie in einer Disco.“ Er reichte ihr die Hand. „Komm, lass uns hochgehen oder bist du noch nicht müde?“

Mit einem sehr zweideutigen Unterton in der Stimme antwortete sie: „Doch, doch, klar. Es war ja ganz schön viel heute.“ Benno wusste jetzt nicht, worauf er das beziehen sollte. Auf das Wandern, die Gefühle oder vielleicht doch die Schnapserln? Beide waren doch leicht angesäuselt. Egal, auf alle Fälle rief nun das Bett. Er war sich nur noch nicht sicher, ob es das seinige oder das ihrige war. Nun ging es erstmal die Treppe hoch. Auf dem ersten Absatz hielt er an. Sie stand aber bereits auf der nächsten Stufe.

„Du, Nora, sag mal, was machen wir beide denn noch mit dem angebrochenen Abend?“ Er fasste sie um ihre Hüfte. Beide waren nun auf Augen- und Mundhöhe. Sie sahen sich tief in die Augen. Wie in Zeitlupe kamen sich ihre Lippen näher. Als sie sich trafen, schloss sie ihre Augen, schlang ihre Arme um seinen Hals und es folgte ein langer gefühlvoller Kuss. Darin lagen alle Gefühle, die sie an diesem Tag miteinander erlebt hatten und vielleicht noch erleben wollten. „Ach, war das schön!“, hauchte Benno, als er wieder konnte und war noch ganz verzückt. Und weil es so schön war, bekam er gleich noch einen dergleichen Sorte. Eng umfasst stiegen die beiden die restlichen Treppen hoch und machten dann vor ihrer Tür halt. Er nahm ihr vorsichtig den Schlüssel ab und öffnete. „Das war einer der schönsten Tage seit langem. Und daran bist du schuld.“ Mit diesen Worten hielt er ihr den Holzklotz mit ihrer Zimmernummer auf Brusthöhe hin.

„Na gut. Ich bekenne mich schuldig. Aber du bist auch nicht ganz unschuldig daran und das muss bestraft werden.“ Sie küsste ihn einfach und zog ihn mit sich ins Zimmer. Vollkommen überrascht dachte er im ersten Augenblick an keine Gegenwehr. Und dann war es auch schon zu spät, aus der Nummer kam er nicht mehr raus. Küssend drehten sie sich, um die Tür von innen zu schließen. Er stemmte sich leicht gegen sie und presste sie somit gegen das Holz.

Irritiert schob sie ihn zurück. „Sag mal, hast du zwei von den Dingern in der Hose?“

„Was? Wie kommst du denn darauf?“ Nun war er irritiert, als sie ihm in den Schritt griff.

„Tatsächlich. Hier fühl selber. Die beiden Erhebungen hat mein Oberschenkel gespürt.“ Ihre Hand fuhr zwischen den beiden Hügeln hin und her.

„Oh, lass das lieber. Das könnte bös ausgehen.“ Und er versuchte, ihre Hand einzufangen, bevor die eine Gefahr noch größer wurde. Mit der anderen Hand griff er in die Hosentasche und holte den zweiten Hügelerzeuger heraus. Sie staunte nicht schlecht, als er ihr die Geschichte erzählte. Sie wollte erst sauer reagieren, sah dann aber keinen vernünftigen Grund. Eilig halfen sie sich aus den restlichen störenden Kleidungsstücken und landeten schließlich im Bett.

Eng aneinander gekuschelt erwachte er am nächsten Morgen. Er lag hinter ihr und sie hatte ihren Kopf auf seinen Arm gelegt. Mit der freien Hand schob er ihre Haare beiseite und drückte seine Lippen ganz zärtlich auf ihren Hals. Sie genoss es und gab ein seliges „hmmm!“ von sich. Er küsste sie heftiger auf die nackte empfindliche Stelle und ließ dabei seine Hand unter die Decke gleiten. Wie es schien, wartete sie darauf, dass sie wieder verführt wurde.

Nach dem zärtlichen Miteinander lag sie entspannt auf ihm. „Du weißt schon, was das bedeutet?“ Bei der Frage schlug sie ihre Augen nieder und verfolgte die kreisende Bewegung ihres Zeigefingers auf seiner Brust.

„Dass ich das jetzt öfter machen muss?“ kam die spontane Gegenfrage. „Aber gerne, denn Verliebte dürfen das.“ Dafür bekam er einen derart lieben Augenaufschlag und einen nachfolgenden Kuss, der ihm fast den Atem nahm. Auch bemerkte er eine Hand, die auf seinem Bauch nach unten unterwegs war.

Sie hauchte ihm ins Ohr: „Wollen wir Verliebten uns danach gemeinsam duschen?“ Er kam zu keiner weiteren Äußerung, da sein Mund durch Fremdeinfluss schon wieder verschlossen wurde.

Nach dem Frühstück und dem Auschecken wurde das Gepäck verladen. Den Verteilerfinger zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand schwenkend kam er auf sie zu. „Das Ding hier muss noch rein, damit du wieder fahren kannst!“

Grinsend wurde er schon am Heck erwartet. „Na, dann mach mal die Notbremse wieder klar, du Schelm.“ Er wurde in den Arm genommen und herzhaft geküsst, bevor er sich an die Arbeit machen konnte. Er setzte gekonnt das Bauteil wieder ein und bemerkte dabei wohl den Grund, warum der Motor in letzter Zeit häufiger gesponnen hatte. Er verschwand mit dem Kopf im Motorraum, zog den kleinen schwarzen Unterdruckschlauch ab, biss etwa zwei Zentimeter davon ab und steckte ihn wieder auf seinen Anschluss zurück. Den abgebissenen Teil spuckte er sich in die offene Hand. „So, der dürfte demnächst keine Probleme mehr machen.“ Er schloss den Deckel und erhob sich.

„Du kennst dich ja wirklich gut aus.“ Mit anerkennender Miene wurde er empfangen. „Dankeschön. Ich mache dich zu meinem Chefmechaniker!“

„Wirklich? Für wie lange?“ Mit einem schelmischen Grinsen wartete er auf die Antwort.

Und die kam prompt in Form einer innigen Umarmung und dem gehauchten Hinweis an seinem Ohr: „Für immer, wenn du willst!“

Als beide hintereinander vom Hof fuhren, winkte ihnen der Sepp noch nach. „No olso, hab i mer doch glei denkt, dass do wos gäht.“